CORONA RELATIVIERT ALLES.

Zwischen Verzicht und Zugewinn. Und wie die Krise zu einem neuen SINN-Verständnis beitragen kann.

Wenn wir auf die Dinge schauen wie sie sich uns im Alltag darstellen, unterliegen sie der unaufregenden Normalität. Wenn sich aber im Gefüge des Gewohnten Existenzrelevantes abrupt ändert – und dazu trägt das Coronavirus offensichtlich bei – werden wir auf uns selbst zurückgeworfen. Dann startet ein Prozess, in dem wir unsere Routinen in Beziehung zur aktuellen Situation setzen. Dadurch werden wir wahrnehmungshellhöriger, gegenüber den Ereignissen, uns selbst und den Mitmenschen. Und wenn wir ehrlich sind, macht sich zudem eine von apokalyptisch-getriebener Neugier getriggerte Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand in uns breit. Die vertraute ORF ZIB 1- und ZIB 2-Jingle (Anmerkung für nicht österreichische Leser: wichtigstes TV-Newsformat in Österreich) versetzt uns täglich in einen Spannungszustand, in dem wir uns sonderbar bereit für Neues wiederfinden, so erschreckend die News auch sind. Dann fühlen wir uns trotz Quarantäne miteinander verbunden, auch wenn sonst nichts als Isolation herrscht.

Die soziale Alltagsleere bietet jedoch auch Potenzial für jeden Bürger und für jedes Unternehmen. Diese Leere ist nicht NICHTS, und man könnte meinen sich nicht mit ihr beschäftigen zu müssen. Das wäre falsch, denn sie IST sehr wohl, nämlich die Abwesenheit von ETWAS. Dieses Etwas gilt es sich BEWUSST zu machen und zu BEGREIFEN. Die Leere RELATIVIERT nämlich vieles in Bezug auf unsere komfortable Lebenswelt. Das Etwas, das uns gerade fehlt, ist der SINN des Ganzen und für das Ganze. Ob Staat, Unternehmer oder MitarbeiterIn, wir müssen mit den existenziellen Konsequenzen dieses Einschnitts umgehen lernen. Wir sind in der Lage vieles wegzustecken, aber die Frage ist offen, welchen Sinn wir für unser zukünftiges Dasein ableiten wollen.

#RELATIVIERUNG 1:

Kollektiv-Instinkt schlägt Individualismus-Geilheit.

Von vielen Impulsen wurden wir dazu aufgebaut das egoistisch-individualistische Gen in uns auszuleben. „Everyone Can Be A Star!“ (let´s make money) lautet die allgemeine Konditionierung, die uns permanent via TV-Shows & Co. erreicht und allgemeine Akzeptanz und Applaus findet. Damit ist vorübergehend Schluss. Die Ausgangssperre zwingt jeden noch so eitlen Narziss in Selbsthaft und in Distanz gegenüber dem Kollektiv. Die Aura des Moments wird zum Fernweh. Das originale Erlebnis, das bis vor Kurzem noch Selbstverständlichkeit war, wird ersetzt durch digitale Simulationen, ob Webconference, Chats, Videospiele. Das soziale Leben ist untersagt zum Zweck des Überlebens des Sozialen. Welch Paradox.

Gleichzeitig erkennen wir, welche Kraft es ist, die uns eint, wenn wir uns als Einzelne dem kollektiven Willen unterwerfen. Diese Kraft ist nicht unmittelbar präsent, denn an der Bushaltestelle stehen wir allein und im Home Office sind wir abgesonderte Wesen. Im Supermarkt achten wir den Abstand, schauen uns kurz in die Augen und fühlen uns Teil einer gemeinsamen Misere oder eines Exodus-Projekts mit unklarem Ausgang. Aber dennoch durchwirkt uns in aller Abgeschiedenheit ein neues Wir-Gefühl, das exemplarisch wäre für einen sozialen Umgang 2.0 nach dieser Krise. Liebe gegenüber dem Menschlichen. Seelische Öffnung. Das könnte ein Ansatz für die geistige Ausrichtung danach sein. Individualismus-Geilheit, mach mal Platz für EMPATHIE!


#RELATIVIERUNG 2:

Akute Ohnmacht aushalten vs. langfristig gut handeln.

Die interessante Frage ist, was das alles mit uns als Menschen gerade macht. Wir sind konfrontiert mit geschlossenen Lokalen, leeren Plätzen, U-Bahn-Stationen mit nur 2-5 Weggefährten. Aus allen Ländern der Welt hören wir im Live-Ticker von Infektions- und Todesstatistiken, alte Menschen können nicht mehr beatmet werden und werden mit Opiaten leidensmildernd „restversorgt“, die Liebsten können in Bestattungen nur mehr via Live-Stream verabschiedet werden. Das sind klare Signale: Das Überleben einer kritischen Masse ist das höhere Gut gegenüber dem Einzelschicksal. Erinnerungen an den Weltkrieg und an Tschernobyl werden wach. Das alles sind wir lange nicht mehr gewohnt, es ist grausam und fremd. Dennoch ist es weniger eine außergewöhnliche Zeit als ein befremdlicher Zeit-Raum, in dem wir als Menschheit unberechenbar feststecken. Für so vieles – ob positiv oder negativ in den Folgen – haben wir bewährte Definitionen und Planungen. Für das vollkommen Unberechenbare jedoch nicht. Globales Ohnmachtsgefühl, in dem wir als vernunftbegabte Wesen keine befriedigende Antwort haben. Die Kontrolle wurde uns von der Natur brutal entzogen. Unsere Erde gibt uns gerade ein wenig Zeit zum Nachdenken über die Welt und über uns als Spezies. Vielleicht soll sie einen Moment wieder frei atmen können, möglicherweise etwas befreit von uns sein. Damit wir dann – wenn wir klug genug sind – richtig, GUT und neu handeln (können).


#RELATIVIERUNG 3:

Die Klimakatastrophe wartet nicht brav ab, bis wir soweit sind.

Vor der Coronakrise war da ja noch was – die Klimakatastrophe. Satellitenbilder führen uns derzeit vor, wie sich die globale Lage entspannt, wenn wir als Menschen inaktiv werden. Das soll uns beruhigen. Gleichzeitig ist diese Einsicht bedenklich und traurig. Denn die Schlussfolgerung ist: Wenn der Mensch erlahmt, erholt sich die Natur. (Menschliche) Kultur und Natur also im gegensätzlichen Interessensverhältnis? Wenn diese Erkenntnis auch richtig wäre, so wäre sie erbärmlich.

In dem Moment, wo sich der Mensch in seiner physischen Existenz unmittelbar bedroht fühlt, reagiert er. Zeigt sich erschüttert, da ihm bewusst wird, nicht alles im Griff zu haben. Es reagieren Regierungen in der ganzen Welt, abzulesen an den angeordneten Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus. Durch diese unmittelbare Bedrohung haben wir zu einer – mehr oder weniger – plötzlichen Konformität gefunden, die wir bis dato in dieser Entschlossenheit und Rasant